Vorverständnis

“Man sieht nur, was man weiß” hat Goethe gesagt. Man benötigt also ein Vorverständnis, um das Gesehene einordnen und bewerten zu können. Das gleiche Phänomen kennt jeder, der in eine Oper geht. Man sollte das Libretto gelesen haben, um den Fortgang der Geschichte zu verstehen und die Musik genießen zu können.

Nicht anders ist es in der Kommunikation zwischen Vermieter und Mieter. Vor allem der Vermieter als der in der Regel professionell ausgebildete und arbeitende Vertragspartner tut gut daran, auf das Vorverständnis seiner Mieter Rücksicht zu nehmen.

Der Umfang der Bildung des Mieters ist ein wichtiger Umstand, der sein Vorverständnis prägt. Wer es gewohnt ist, komplizierte Texte zu lesen und sich fremde Inhalte zu erarbeiten, dem fällt es leichter, auch einen komplizierten wohnungswirtschaftlichen Text wie eine Betriebskostenabrechnung zu verstehen. Anderen wiederum wird das auch dann schwerfallen, wenn die Abrechnung einfach formuliert und strukturiert ist. Unabhängig von der Bildung gibt es auch Unterschiede in der eigentlichen Sprachfähigkeit. Wer Deutsch nicht als Muttersprache gelernt hat, dem wird es auch dann schwerfallen, einen komplizierten wohnungswirtschaftlichen Text zu verstehen, wenn er von Hause aus Akademiker ist.

Die Erfahrung als Mieter ist ebenfalls sehr unterschiedlich. Wer schon seit 40 Jahren in der eigenen Wohnung lebt, hat bereits viel Korrespondenz vom Vermieter bekommen und dementsprechend Erfahrungen gesammelt. Wer hingegen gerade in die erste eigene Wohnung eingezogen ist und zum ersten Mal vor einer Modernisierungsankündigung sitzt, ist ein völliger Laie in diesen Dingen.

Da man in den meisten Fällen das Vorverständnis des konkreten Mieters nicht kennt, muss man generalisieren. Man muss sich vor Augen führen, was der durchschnittliche Mieter in den Wohnungsbeständen, um die es geht, an wohnungswirtschaftlichem Vorverständnis wohl mitbringen wird. Bei dieser Parallelwertung in der Laiensphäre sollte man zurückhaltend sein. Sicher wird auch der eine oder andere Immobilienkaufmann oder Rechtsanwalt dabei sein. Die meisten Mieter werden jedoch nicht viel von der Struktur und den Begriffen einer Mieterhöhung oder Betriebskostenabrechnung verstehen. Was man kennt, kann man einordnen und verstehen. Was man nicht kennt, kann man sich im besten Fall erschließen. Wahrscheinlich muss man es jedoch nachschlagen, wofür sich nur die wenigsten Mieter die Zeit nehmen. Man sollte sie ihnen auch nicht stehlen, da es auch anders geht.

Professionelles Schreiben berücksichtigt das Vorverständnis der Mieter, geht in Wortwahl und Komplexität von ihm aus. Man richtet sich daher im Rahmen der wohnungswirtschaftlichen Standardkorrespondenz an einem durchschnittlichen Erwachsenen aus, der einfache Texte lesen und verstehen kann, dem man aber komplexe Strukturen und Fremdwörter erspart. Vor allem wenn man dem Mieter etwas Neues mitteilt, muss man dies berücksichtigen. Den konkreten Adressaten wird man nur bei individuellen Schreiben zu konkreten Sachverhalten berücksichtigen können.

Ist das erwartbare Vorverständnis nicht ausreichend, muss man ihm auf die Sprünge helfen, indem man Sachverhalte, Strukturen und Begriffe erläutert. Dies kann durch allgemeine Erläuterungen in Broschüren und auf der Website oder direkt in dem jeweiligen Anschreiben erfolgen.

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